15
Nov
2008

Echo aus den Neunzigern

Neulich habe ich mir Diesel and Dust von Midnight Oil angehört. Seit Jahren zum Erstenmal, und das war sehr merkwürdig. Das Album enthält ein paar für mich geschichtsträchtige Songs. Songs, die uns Studenten in den neunziger Jahren zu Hymnen wurden: Ausdruck des Protests gegen die Zustände, die Klimawandel und Ozonloch möglich machten. Die Umweltzerstörung und Kriege aller Art bewirkten. Die die Unterdrückung von Urvölkern beinahe logisch mit sich brachten und - diese Zustände waren ja an allem schuld - auch die Unterdrückung der Frau.

Zur Erinnerung:



Nostalgisch wurde die Frogg aber nicht. Heute fällt mir vor allem auf, wie pessimistisch viele dieser Songs sind: "Put down that weapon, or we'll all be gone", heisst es da. Oder: "Your dreamworld is just about to end" und derlei mehr. Kein Zweifel: Der Weltuntergang drohte uns in den neunziger Jahren. Vielleicht sticht mir das deswegen so ins Ohr, weil ich gleichzeitig gerade ein Buch der Feministin Christina Thürmer-Rohr aus dem Jahr 1994 gewissermassen nachhole.

Auch hier: Tiefer Pessimismus. Schon im Klappentext ist von der "kollektiven Verzweiflung an der westlichen Moderne" die Rede. Drin finde ich eigentlich nur Ratlosigkeit - hauptsächlich über die Ich-Bezogenheit des westlichen Menschen. Sie sorge für "Weltarmut" des einzelnen. Ich wollte das Buch gerade in die Tüte mit dem Altpapier legen, als ich über den Begriff "Weltarmut" nachzudenken begann.

Weltarmut. Das bedeutet bei Thürmer-Rohr nicht etwa Hunger in Afrika. Das bedeutet bei ihr die westliche Beschränktheit der Seele auf sich selbst. Das allgemeine Desinteresse an der Welt da draussen. Thürmer-Rohrs Ärger über diese selbst verursachte Weltarmut verstehe ich durchaus.

Aber der Begriff stach mir aus einem anderen Grund ins Auge: Weil ich 1994 als das Jahr betrachte, in dem ich der Weltarmut ade sagte. Mein Studium war zu Ende, die Frogg trat ins Berufsleben. Und sie sah schnell viel von der Welt. Sehr viel, auch wenn sich manches davon im Universum von Frösch abspielte. Aber was sie sah, war konkret und menschlich und hie und da allgemeingültig und sie sah: Die Welt ist komplexer als sie gedacht hatte. Es gibt nicht nur die Unterdrücker und Unterdrückten. Sie legte Ideologien ab wie zu eng gewordene Kleider. Sie glaubte nicht mehr an den kommenden Weltuntergang.

Und da sitze ich nun, 14 Jahre später und lache ein wenig über unser Weltbild von damals. Doch dann denke ich an 9/11 und an den Klimawandel und dann frage ich mich plötzlich: Hat die Zeit den Weltuntergangspropheten von damals doch Recht gegeben? Sitzen wir einfach 14 Jahre näher am Abgrund? Und wenn ja: Warum haben ihre Rezepte dagegen damals nicht geholfen?

13
Nov
2008

Duschen mit Taucherbrille

Vorhin habe ich geduscht. Jetzt ist mein rechtes Auge rot angelaufen. Das kommt vom Schwindel, der im Moment ständig am Boden unter meinen Füssen zupft: Wenn ich mir die Haare wasche, muss ich deshalb die Augen offen behalten. Ich muss sehen, wo der Boden ist. Sonst reisst es ihn mir am Ende noch unter den Füssen weg.

Ich denke darüber nach, mir eine Taucherbrille zu besorgen

12
Nov
2008

Cortison-Rausch

Am letzten Donnerstag hatte ich einen schweren Schwindelanfall am Arbeitsplatz. Etwa eine Stunde lang testete ich mit dem Hinterkopf die Beschaffenheit der Spannteppiche in unserem neuen Grossraumbüro. Rundum drehten sich Lampen und Tische, mal sacht, mal wütend. Die Frogg kämpfte gegen einen schier unbesiegbaren Brechreiz. Ein kleiner Erfolg an einem schwierigen Abend.

Es war kurz vor Feierabend. Ein Kollege fuhr mich schliesslich nach Hause.

Das alles ist nichts Neues. Gehört halt dazu. Danach aber reagierte ich anders als sonst. Ich versuchte, dem Schwindel mit einer Cortisonbombe Herr zu werden, denn hektische Tage standen bevor. Ich hatte keine Zeit herumzuliegen.

Die hektischen Tage kamen und gingen. Das Cortison wirkte, wenn auch schwach. Nebenwirkungen? Erstaunlich wenige.

Bis gestern. Gestern hatte die Frogg frei. Sie war schon beim Aufstehen schwer wie ein alter Mehlsack und merkwürdig verstört.

Dennoch schleppte ich mich in die Stadt. Ich musste einkaufen. Leiser Schwindel drohte mir auf dem Weg den Boden unter den Füssen wegzuziehen, aber ich stand. Ich ging. Wenn auch langsam. "Du bist bleich", sagte eine Bekannte, die ich auf dem Weg traf.

Irgendwann fand sich die Frogg in einem Warenhaus wieder. Sie brauchte Lippenstift. Heute. Sie brauchte jetzt diesen verdammten dunkelroten Lippenstift, den besten, den es je gegeben hat. Ersatz für das gute Stück, das nach mindestens fünf verdienstreichen Jahren letztes Wochenende den Geist aufgegeben hat. Sie brauchte jenen Lippenstift, dessen Bordeauxrot fast, aber nur fast, ins Braune kippt. Oder vielleicht auch ins Violette. Aber es kippt eben nicht, sondern bleibt bordeauxrot, genau richtig, das ist das Gute daran.

Sie suchte vergeblich. Sogar die Marke schien verschwunden. "Haben Sie diesen Lippenstift noch, die Nummer 486? Das ist der Beste, den ich je gehabt habe," fragte sie eine Verkäuferin. Die Verkäuferin sah sie an. Lange. Als denke sie darüber nach, ob auch Frauen um die 40 schon dement sein können.

"Geh nach Hause ins Bett", sagte leise die Stimme der Vernunft. "Du wirst noch ein paar Tage ohne Lippenstift durchhalten." Aber Vernunft hatte mit all dem gar nichts mehr zu tun.

Schliesslich fand sich eine weitere Verkäuferin, die der Frogg sanft wie einem verzweifelten Kind einen neuen Lippenstift aufschwatzte. Das Rot stimmte. Naja, ungefähr. Ich schickte mich an, ihn und ein paar Lebensmittel über den Hügel nach Hause zu tragen. Es ist ein kleiner Hügel. Normalerweise überquere ich ihn ohne daran zu denken, dass er ein Hügel ist. Diesmal fühlte ich mich, als müsste ich den Hügel mit meinen Schultern verschieben. Ich schlich aufwärts, schwer wie eine pensionierte Dampfwalze.

Zuoberst auf dem Hügel, bei der Bushaltestelle, irrte ein alter Mann herum. "Können Sie mir sagen, wo das Kantonsspital ist?" fragte er.

"Kommen Sie mit mir", sagte ich. "Ich muss in die gleiche Richtung. Aber gehen Sie nicht so schnell! Ich bin nicht so fit!"
"Dann geben Sie mir Ihre Tasche", sagte der alte Mann fröhlich und nahm mir die Tüte aus der Hand. Wenn ich genügend Kraft gehabt hätte, wäre ich gerührt gewesen. Aber ich schob ja den Hügel mit meinen Schultern und unter mir zupfte der Schwindel sacht am Asphalt. Ich hatte keine Kraft, gerührt zu sein.

Der alte Mann erzählte mir, dass er im Spital seine Frau abholen müsse. Dass sie eine Brustamputation gehabt habe. Irgendetwas von Kanülen erzählte er. Ich hörte zu und schob die Welt vor mir her und war froh, dass er wenigstens meine Tasche trug. "Was wird der arme Mann tun, wenn ich plötzlich nach hinten hinknalle?" fragte ich mich.

Aber ich stand. Ich ging. Zehn Minuten später war ich zu Hause. Ich legte mich hin und schlief eine geschlagene Stunde lang.

9
Nov
2008

Gesten der Macht

obama_kerry

Dieses Keystone-Bild habe ich neulich aus einer Zeitung ausgeschnitten. Der Mann, dem Obama hier so herzlich die Hand schüttelt ist John Kerry.

Fasziniert bleibt mein Blick an diesem Händedruck hängen. "Schau mal, wie Obama Kerrys Rechte mit seinen beiden Händen umfasst! Das ist eine Herrschaftsgeste!" hörte ich im Geiste meine Freundin Helga sagen. Helga weiss Bescheid über Herrschaftsgesten. Wie die Frogg hat sie jahrelang versucht, beruflich in Männerwelten ihren Weg zu machen. Mit wechselndem Erfolg. Eins haben wir beide gelernt: Für Männer bedeutet Status etwas anderes als für Frauen. Männer legen ständig Hierarchien fest. Damit sie wissen, wo sie stehen. Sie verhandeln und manifestieren ihren Status mit subtilen Gesten: Der Stärkere klopft den schwächeren auf die Schulter. Oder er gibt ihm einen väterlichen Obama-Doppelhändedruck. Er sagt damit: "Hey buddy, Du bist zwar der Looser hier. Aber Du gehörst zu meinem Team. Wenn Du mir dienst, werde ich Dich beschützen."

Täusche ich mich, oder antwortet Kerry, selber auch nicht gerade ein politischer Nobody, mit einer ebenso subtilen Demutsgeste, einem bewundernden Aufblicken zu einem Mann, der wahrscheinlich kleiner ist als er? Er scheint damit kein Problem zu haben. Wir Frauen tun uns viel schwerer mit solchen Rituälchen. Deshalb fällt es uns schwerer, in der Welt der Männer zu reüssieren.

"Doch warum", frage ich mich, "Warum fällt Dir gerade bei Obama eine Herrschaftsgeste auf?" Ich meine, bei allen anderen Politikern, seien sie weiss, schwarz oder asiatisch, fällt mir sowas sonst nie auf. Wohl deshalb, weil man von Politikern nie etwas anderes erwartet als Gesten der Macht. Aber Obama ist irgendwie anders, jedenfalls für die Frogg. Sie schaut ihm genauer zu. Hört seinen Reden zu fühlt sich dabei gelegentlich wie die Zeugin eines Hochseilakts. Überlegt sich, ob sie zu sagen wagen würde, was er eben gesagt hat. Ist gerührter von den Reden dieses Mannes als sie je von einer Rede eines Schweizer Politikers war.

Ist es so, weil er nur gerade ein Jahr älter ist als sie?
Eben doch, weil er schwarz unter Weissen ist und wie wir Frauen a priori nicht zum Herrschen geboren scheint?
Oder ist es das, was man Charisma nennt?

Ich weiss es nicht. Ich verstehe es nicht.

6
Nov
2008

Tod am Südpol

Dieses Wochenende erhält Luzern ein neues Kulturhaus. Es heisst Südpol, weil er am Südende der Stadt liegt, in einem ehemaligen Schlachthof.

Zur Eröffnung spielt das Luzerner Theater dort sinnigerweise ein Stück über einen Hühnerschlachter: Stichtag von Thomas Hürlimann. Das Theater hat Eingeweihten bereits gestern das Stück vorgeführt. Die Inszenierung (Volker Hesse) erinnert noch einmal schockartig an die blutige Vergangenheit des radikal umgebauten und aufgefrischten Gemäuers: Sie reproduziert zum Start in einem Korridor sogar noch einmal Aasgeruch. Penetranten Aasgeruch. Jenen Aasgeruch, der dort laut Gerüchten gehangen haben soll, als man die grosse Kühlanlage im alten Schlachthaus abschaltete.

Dann wird im Stück geblutet, geröchelt, gekotzt und gestorben. Und nochmals gestorben. Wie das eben so ist in einem Schlachthaus. An Querbezügen fehlt es also wirklich nicht. Auch der Titel "Stichtag" ist stimmig für eine Inszenierung zur Eröffnung. Nur eins fehlt: die Freude am neuen Haus. Ein Gefühl von Festlichkeit. Oder steht das am Schluss gesungene "komm süsser Tod" etwa als Hinweis auf den Tod der Schlachterei und eine Auferstehung in vegetarischer Kultürlichkeit? Also, nicht bei mir!

Mir bleibt nur die Zuversicht, dass die Eröffnungsfeierlichkeiten am kommenden Wochenende den Theatermachern beweist, dass Luzern lebt und sich freuen kann!
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